Veröffentlichungen

  • Weleda Nachrichten Nr. 234: artikel
  • Gesundheit - Ausgabe September 2004 artikel
  • Impulse 2007: artikel
  • Logopädie Austria, 2012: artikel
  • Interview bei Ö1, 2012: Interview

Weleda

Was ist eine Biographie? Sie ist eine „Zeitgestalt“, die sich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammensetzt. Die Vergangenheit wirkt immer in die Zukunft hinein und die Zukunft auf die Vergangenheit zurück. Da, wo diese beiden Zeiten sich für einen Moment überlappen, entsteht Gegenwart, in der ich mit meinem Problem oder meiner Frage stehe. Ich blicke mit meinen „Erkenntnisfragen“ zurück in die Vergangenheit, stelle fest, dass diese nicht mehr veränderbar ist. Was ich aber verändern kann, ist der Blickwinkel, aus dem ich die Dinge und Geschehnisse betrachte und erkenne, wie ich mit den Ereignissen umgegangen bin. Es ist weniger wichtig, was mir geschah, sondern wie ich damit umgegangen bin, wie ich darauf reagierte.

Der Blick zurück in die Vergangenheit erfordert sehr viel Denkarbeit (Biographiearbeit!), hingegen brauche ich für den Blick in die Zukunft meinen Willen. Da beginnt der künstlerische Prozess, hier kann ich meine Biographie gestalten (Biographiegestaltung!).

Das Gespräch in der Biographiearbeit dient dazu, Einsicht in den eigenen Lebenslauf zu gewinnen, aber auch die biographische Entwicklung der Mitmenschen besser zu verstehen. Jede Biographie ist ein einzigartiges, individuelles Kunstwerk, das nur zu erfassen ist, wenn der Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht. Jeder Mensch muss seinen eigenen, ganz individuellen Weg gehen und für sich selbst sowie auch für die anderen den Sinn dieses Weges finden.

Unsere Entwicklung ist nicht einfach ein lineares Wachstum bestimmter Eigenschaften, sondern diese nehmen von Phase zu Phase eine neue Gestalt und Qualität an. Eine sehr alte Möglichkeit, den Lebenslauf anzuschauen, ist die Einteilung in 7 – Jahres - Phasen. So gliedert sich der Lebenslauf in 4 Hauptphasen von jeweils 3 x 7 Jahren. Diese Einteilung wurde von Rudolf Steiner aufgegriffen und geisteswissenschaftlich untermauert.

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Kindheit und Jugend Erwachsenheit Reife Alter
lernen kämpfen weise werden weise sein

Wir unterscheiden einen biologischen Aspekt (1.Phase), der rein äußerlich in seinem Auf – und Niedergang beschrieben werden kann, einen Aspekt des psychischen Erlebens (2.Phase), der sich in Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen abspielt, sowie einen geistigen Aspekt (3.Phase). Dieser umfasst die Individuation, die Bewusstwerdung des eigenen Ichs, das Erkennen eines Wertsystems sowie die Sinngebung für das eigene Leben. Auch in der 4.Phase, dem Alter, kann man noch vieles lernen, kann sich mit Wesentlichem befassen und ratend durch sein Dasein wirken.

Nur mit der geistigen Dimension, mit dem Anerkennen, dass ich mein eigener Steuermann bin, dass mein Schicksal „selbstgemacht“ ist, kann ich erkennen und auch anerkennen, dass sich jede Entwicklung am Suchen und Überwinden von Widerständen vollzieht. Widerstände wie Krankheiten, berufliche oder private Krisen… sind als „Entwicklungshelfer“ zu betrachten.

In der Biographiearbeit versuchen wir, auf diese Widerstände in Vergangenheit, Gegenwart oder auch in der Zukunft hinzuschauen und diese (mit der Zeit und mit viel Übung) urteilslos anzunehmen. Wir bemühen uns um ein Bild, wie unser Leben sich entfaltet hat.

Gelingt es uns, einen oder mehrere rote Fäden zu finden?

Sehen wir einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart? Können wir mit dieser Erkenntnis die Gegenwart und vor allem die Zukunft anders gestalten?

Wenn wir uns selbst besser kennen, können wir dann nicht auch unsere Mitmenschen besser verstehen? Biographiearbeit dient nicht der Befindlichkeitssteigerung, sie hat eine große soziale Aufgabe, denn wir sind mit dem Schicksal unserer Mitmenschen mehr verwoben, als wir wahrhaben wollen.

Biographiearbeit kann einzeln, in Kleingruppen sowie auch in themenbezogenen Seminaren gemacht werden. Sie bietet Hilfe in zahlreichen Krisensituationen (z.B. Krebskrankheit, Partnerschaftsproblemen, Krise der Lebensmitte…) an.

Mein Schicksal ist mein Lehrmeister in meiner Biographie und hilft mir, meine „Lebensmelodie“ in diesem irdischen Dasein zu finden. (Quelle: Weleda-Nachrichten Nr. 234)


Gesundheit

Zeitschrift: Gesundheit September 04 Mensch und Natur im Einklang Nach Jahrzehnten ihres Bestehens ist die anthroposophische Medizin aktueller denn je. Was macht sie so faszinierend, worin liegt ihr grösstes Potenzial? Das Hauptziel lautet jedenfalls, dem Patienten zu helfen, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Wenn Dr.Gerhild Signer-Heyn, Leiterin des Instituts für Biographiegestaltung in Wien, über ihre Arbeit spricht oder nachdenkt, erinnert sie sich an die Stelle in Goethe´s Märchen, wo der König die Schlange fragt: "was ist herrlicher als Gold?" "Das Licht", antwortet die Schlange. "Und was ist erquicklicher als das Licht?" fragt jener. "Das Gespräch", antwortet diese. Das Gespräch über das Leben des Klienten stellt die Grundlage der Biographiearbeit dar. "Jede Biographie ist ein einzigartiges, indivdiduelles Kunstwerk, das nur zu erfassen ist, wenn beachtet wird, dass der Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht" betont Dr. Signer-Heyn. Die Biographie ist nur eine Methode aus einem gesamten "Paket" an Behandlungen, die anthroposophische Aerzte anbieten können…….


Impulse

Zeitschrift: Sozialpädagogische Impulse Ausgabe 2/2007 Das Gespräch mit sich und den anderen von Gerhild Signer-Heyn

Frau B., 53 Jahre alt, an Brustkrebs erkrankt, Operation, Chemotherapie, Bestrahlung, kommt mit der Frage: „Warum habe ich diese Krankheit?“

Der Begriff „Biographiearbeit“ setzt das Selbstverständnis des Einzelnen als eigenverantwortliches Individuum voraus, wie es das neuzeitliche Menschenbild seit der Aufklärung prägt.

Biographiearbeit, methodisch an der Gesprächstherapie orientiert, ist eine junge Disziplin im Schnittpunkt zahlreicher, auf den Menschen bezogener wissenschaftlicher Fachbereiche: die Sozialwissenschaften, die Psychologie und Psychiatrie, die Pädagogik und Soziologie haben schon immer Biographieforschung betrieben und in der Psychotherapie war Biographiearbeit immer schon eine Methode zur Bewältigungserfahrung. Als eine Handlungswissenschaft, die den Forschungs- und Bildungsansatz gleichermaßen berücksichtigt, gewinnt sie zunehmend an Eigenständigkeit. Sie wird heute auch in der Altenbetreuung (Demenzkranke!), in der Erwachsenenbildung, in der feministischen Bildungsarbeit, in der Pädagogik und verwandten Bereichen eingesetzt.

Biographiearbeit ist jedem im Erwachsenenalter zugänglich und keineswegs nur Menschen in Krisensituationen vorbehalten. Die Arbeit an der eigenen Biographie ist nicht nur eine therapeutisch wirksame Auseinandersetzung mit der individuellen Lebenssituation, sondern eine erkenntniserweiternde Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensmöglichkeiten – und damit auch eine Auseinandersetzung mit ihren sozialen und zeitlichen Bezügen. Grundlage der Arbeit ist immer das Gespräch zwischen Hilfesuchenden und BeraterIn, aber auch der Hilfesuchenden untereinander.

Im geschützten Rahmen erfährt die/der Ratsuchende die Akzeptanz der Zuhörenden und wird in der Gruppe selbst zur/zum ZuhörerIn. Gehört werden und Hören verändern die Perspektive, neue Sichtweisen werden möglich, Soziales Lernen findet statt. Die gesprächstherapeutische Arbeit wird wesentlich unterstützt durch künstlerische Aktivitäten: Malen, Plastizieren, Eurythmie.

Frau B. sorgt sich, dass sie mit ihrer Krankheit die Familie belastet, den andern Sorgen bereitet, anstatt wie bisher die Sorgen der anderen zu tragen. Frau B. fragt: „ Was kann ich gegen die Krankheit tun?“

Jedes Leben unterliegt bestimmten Entwicklungsgesetzen. Drei grosse Phasen sind zu unterscheiden:

  • Die erste, etwas bis zum zwanzigsten Lebensjahr, führt zur körperlichen Reife;
  • die zweite zur seelischen und emotionalen Reife um die vierzig;
  • in einer dritten ist jedem Menschen die Möglichkeit gegeben sich zur geistigen Reife zu entwickeln – je nach seinen individuellen Fähigkeiten.

Die Unterteilung dieser großen Entwicklungsphasen in jeweils drei Siebenjahres-Rhythmen war schon in der Antike geläufig und ist Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, aufgegriffen worden.

Die Entwicklungsschritte sind am deutlichsten in den ersten drei Jahrsiebten zu erkennen: die frühe Kindheit bis zum 7. Jahr (Schulreife), die spätere Kindheit zwischen 7 und 14 Jahren (Pubertät) und die Adoleszenz bis 21 Jahre (soziale Reife). Wobei die Entwicklung vom Aufbau der körperlichen Kräfte über den der seelischen zu dem der geistigen voranschreitet.

Die Weiterentwicklung dieser Kräfte und ihr harmonisches Zusammenwirken wird zur Hauptaufgabe der erwachsenen Persönlichkeit. Auch sie vollzieht sich im Rhythmus der sieben Jahre, aber nicht so ausgeprägt wie in den ersten zwei Jahrzehnten. Die seelische Reifung der Persönlichkeit ist bis zum Tod nicht abgeschlossen.

Frau B. fühlt ein starkes Verantwortungsgefühl für ihre Familie. sie sieht ihre Krankheit vor allem unter diesem Aspekt. Als ein sehr sozial empfindender Mensch hat sie sich immer einen HelferInnen-Beruf gewünscht. finanzielle und familiäre Gründe standen dagegen. Jetzt fragt sie: „Was will ich, was kann ich endlich für mich tun?“

Erst wenn der Entwicklungsgedanke ernst genommen wird – und dazu bedarf es des Studiums der Lebensgeschichte, der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit – kann der Blick auf den eigenen Lebenslauf die Zukunftsperspektive mit einbeziehen. Unerlässliche Voraussetzung dazu ist das Gespräch. Die Reflexion durch das Gegenüber setzt die eigene Reflexion in Gang. Erst in der Mit-Teilung wandelt sich die Frage nach dem „Warum?“ in die Frage nach dem „Wozu?“, und der Mensch erkennt sich als einer, der wird, was er noch nicht ist. Das gibt ihm die Möglichkeit, in den Prozess, in seinen Lebenslauf künstlerisch, einzugreifen. Seine Biographie zu gestalten.

Frau B. äußert den Wunsch, ehrenamtlich in einem Altenheim zu arbeiten. Sie setzt ihn gegen die verschiedensten Widerstände durch. Überraschende Hilfen, die sie dabei erfährt, bestärken sie in der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Heute ist sie glücklich mit ihrer Arbeit.

Von einem, der sein Schicksal erleidet, kann der Mensch durch die Biographiearbeit zur autonomen Lebens-Führung gelangen, seine Gegenwart besser verstehen und die Zukunft mit mehr Lebensfreude, Vertrauen und Selbstbewusstsein gestalten. Er wir mehr Effizienz im individuellen und sozialen Handeln gewinnen.

Literatur:

  • G. Burkhard (1992) „Das Leben in die Hand nehmen“
  • B. Lievegoed (1979) „Lebenskrisen – Lebenschancen“
  • G. O´Neil (1994) „Der Lebenslauf“
  • M. Wais (1992) „Biographiearbeit Lebensberatung“
  • M. Wais (1992) „ Ich bin, was ich werden könnte“

Logopädie Austria

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